Lieblingsbaum "Holly" setzt sich durch

Der Baum, von dem ich erzählen will, ist ein Holunder und inzwischen mehrere Meter hoch. Mein Bruder und ich nennen ihn “Holly“. Er spendet Schatten, Nahrung und Lebensraum für Insekten und Vögel (wobei auch wir Menschen seine Blüten und Beeren nutzen können) und ich verbinde viele schöne Erinnerungen mit ihm. Dass der Holunder existiert, ist wohl einem Experiment zu verdanken, das ich als Kind durchgeführt habe: Mein kleiner Bruder und ich wollten ausprobieren, ob man Sand mit den rotschwarzen Holunderbeeren einfärben kann. Die Beeren nahmen wir von einem der Holundersträucher im hinteren Teil des Gartens. Allerdings hatte das Färben nur mäßigen Erfolg, und die interessanterweise bläulich-blasse Färbung hielt auch nicht sonderlich lange.

So vergaßen wir schnell wieder, dass in und um unseren Sandkasten herum nun sehr viele zerquetschte Holunderbeeren lagen... Im nächsten Jahr begann direkt neben dem Sandkasten ein kleiner Spross zu wachsen. Praktischerweise kam der Rasenmäher nicht so nah an die Ränder des Sandkastens heran und die kleine Pflanze blieb verschont. Sie wuchs langsam weiter in die Höhe, trieb Blätter aus und überstand auch den nächsten Winter recht gut.

Im darauffolgenden Jahr wuchs sie erneut und der nun auch von meinen Eltern als Holunder erkannte Strauch spendete schon ein wenig Schatten für uns, während wir im Sandkasten oder in der Nähe spielten. Nachdem wir unsere Eltern überzeugt hatten, das kleine Bäumchen doch stehen zu lassen, konnte es in Ruhe weiter gedeihen. Mit der Zeit begann ein Ameisenvolk, den Baum mit Blattläusen zu bewirtschaften, aber zu diesem Zeitpunkt war er schon stark genug, dass ihm das nichts mehr ausmachte. Trotzdem war es sehr interessant für uns, das geschäftige Treiben zu beobachten. Nach besonders heißen Tagen, wenn der Baum seine Blätter etwas hängen lies, wurde er von uns gegossen, im Herbst jedoch auch teilweise zurückgeschnitten. Die innen hohlen Stöcke wurden Jahr für Jahr zu Schwertern, Speeren, Bau- und Schnitzmaterial und Spielzeug für uns und die Nachbarskinder, die Beeren wurden teilweise für weitere Färb-Experimente genutzt.

Nach einigen Jahren spielte niemand mehr im Sandkasten, der später auch zugeschüttet wurde, aber der Holunder blieb stehen. Irgendwann überragte er auch den nahestehenden Balkon, sodass man theoretisch von oben Blüten, Beeren und Blätter pflücken kann, wie man auf dem Bild sieht.

Leider bin ich inzwischen aus der kleinen Ortschaft weggezogen, in der Holly steht, aber ich kenne die jetzigen Bewohner unserer damaligen Wohnung. Und als ich das letzte Mal dort war, stand mein Holunder weiterhin groß und stolz im Garten und zeigte jedem Betrachter, dass aus einer millimetergroßen Beere ein meterhoher Baum wachsen kann.

Claudia H.

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